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So viel Zeit hätte ich gerne

Zeit

Es ist Montag. Montag ist mein “freier” Tag, wenn es um die Uni geht. Ich habe keine Veranstaltung. Es ist jetzt genau Mittag, bisher sah mein Tag so aus, dass ich den Haushalt gemacht habe. Ich wohne nicht alleine, aber mein Partner arbeitet Vollzeit. Ich bin öfter daheim, habe die Zeit, nebenbei eine Waschmaschine laufen zu lassen, während ich Uni-Texte vorbereite. Gestern Abend habe ich mir meine To-Do-Liste für heute erstellt. Da ich wusste, dass es heute bis zu 35°C werden, sieht mein Tag vor, dass ich alle Hausarbeiten morgens erledige, bevor die Dachgeschosswohnung einer Sauna gleicht. Gleich wollte ich eigentlich ins klimatisierte Café übersiedeln, um dort für die Uni zu lernen und… zu arbeiten. Ich arbeite nämlich nebenbei freiberuflich (dazu später mehr). Heute Morgen habe ich während des Bügelns einige YouTube-Videos geschaut, die mir inhaltlich so gut gefallen haben, dass ich sie mit verschiedenen sozialen Kreisen teilte, da ich gerne über die Themen diskutieren würde. Das eine Video dauert 20 Minuten, das andere 30. Beide Male bekam ich als einzige Antwort “So viel Zeit wie du hätte ich gerne”. (Spoiler: Ein Satz, den ich oft zu hören bekomme).

Ja, wie viel Zeit habe ich eigentlich? Dazu sollte ich mich vielleicht etwas besser vorstellen: Ich wandel nun schon 25 Jahre auf dieser Welt. In dieser Zeit habe ich es noch nicht einmal geschafft, meinen Bachelor zu machen (übrigens für nächstes Jahr geplant). Ich bin Langzeitstudentin, schon weit ab der Regelstudienzeit. Aber liegt das daran, dass ich faul bin? Anfang des dritten Semesters bekam ich, beziehungsweise meine Mutter die Diagnose Krebs. Von heute auf morgen wurde ich aus meinem Alltag gerissen, als meine Mutter mich morgens Blutspuckend weckte und sagte, ich solle den Notarzt anrufen. Hysterisch habe ich am Telefon versucht, irgendwelche Worte zu formen. Von da an habe ich nur noch die wichtigsten Kurse besucht. Obwohl meine Mutter mit einem Tumor im Hals, der ihr Essen und Trinken nahezu unmöglich machte, mal zuhause, mal im Krankenhaus war, bin ich dennoch zu allen Kursen gegangen, die Anwesenheitspflicht verlangten (übrigens hatte ich damals nie einen Tag in der Woche frei). Durch meine Prüfungen bin ich letztendlich dennoch gerasselt. Auch durch die Nachprüfungen. In dem letzten Semester, das ich mit meiner Mutter hatte, bin ich gar nicht mehr zur Uni gegangen, habe parallel daheim noch versucht, meine Sachen zu wiederholen und zu lernen, während ich meine Mutter pflegte und versuchte die Zeit mit ihr zu genießen, seit es hieß, dass es keine Hoffnung mehr gäbe. Letztendlich habe ich zwei Jahre meiner Studienlaufbahn so “verloren”, bis meine Mutter verstarb. Mein Leben war aufgewühlt, alles hat sich verändert. Aber das soll hier gar nicht Thema sein. Da ich spontan drauf losschreibe, hat dieser Absatz nun auch viel mehr Worte in Anspruch genommen, als er eigentlich sollte. Aber ich finde ihn wichtig und rede an sich gerne offen darüber. An der Stelle der Hinweis: Wer über Krebs oder Tod im engeren Umkreis jemanden zum Reden sucht, kann sich gerne jederzeit bei mir melden. Wirklich.

Ich war zwei Jahre aus der Uni-Laufbahn raus, habe das Studieren schlichtweg verlernt. Wie es ist, bis zu acht Stunden in der Uni zu sitzen, zwei Stunden pendeln täglich noch nicht mit einberechnet (mittlerweile wohne ich in meiner Uni-Stadt). Ein Semester war ich wieder in der Uni, habe gemerkt, dass ich eigentlich nur schnell wieder daraus und fertig sein will. Ich habe mir ein Praktikum gesucht, dass nicht verpflichtend für mein Studium ist, in dem Bereich, der mich am meisten und auch als Berufsweg interessiert: PR. Ich habe drei Monate ein Vollzeit-Praktikum gemacht und dafür wieder ein Semester in der Uni ausgesetzt. So viel zu dem Thema, warum ich noch keinen Bachelor habe. Dafür aber ein Ziel. Etwas, das den meisten meiner Kommilitonen und Freunden in meinem Alter bisher noch gänzlich fehlt. Aber das sagt noch nichts darüber aus, wie viel Zeit ich denn nun habe.

Bisher habe ich schon viel studiert, viele Kurse und Prüfungen abgeschlossen. Mir fehlen nur noch ein paar. Dadurch habe ich aktuell nur 7 1/2 Stunden Uni die Woche, ohne Anwesenheitspflicht. Nach meinem Praktikum wusste ich, ich möchte PR machen. Mit meiner Familie sprach ich und bekomme seither ein PR-Fernstudium netterweise finanziert (mit Rabatt, weil ich eben auch noch Studentin bin), was ich parallel mache. Ich mache also mein normales Uni-Studium und dazu mein Fernstudium, was ich mir selbst organisieren muss, wo ich Aufgaben und Prüfungen ablegen muss. Einzig wie ich mir die Zeit dafür lege steht mir frei. Ob morgens, ob abends, ob nachts, ob unter der Woche oder am Wochenende.

Aber ich wohne auch in meiner eigenen Wohnung. Ich bin 25 Jahre, bekomme kein Bafög, kein Kindergeld mehr und muss mich selbst versichern. Ich bekomme den mir zustehenden Unterhalt und mir wird das Fernstudium bezahlt (und wen es interessiert: ich habe weder Erbe noch Waisenrente durch den Tod meiner Mutter angenommen). Ich muss meinen Lebensunterhalt und den Luxus, den ich mir offen gönne (der auch oft genug Anlass für Kritik zu geben scheint), auch finanzieren können. Also arbeite ich freiberuflich im PR-Bereich. Aktuell für zwei verschiedene Arbeitgeber. Da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt: Nur weil ich als Freelancer von zuhause arbeiten kann, muss ich dennoch arbeiten. Für viele heißt zuhause arbeiten gleichzeitig, ich würde nur auf der Couch legen und die Beine hochlegen, nur weil ich nicht täglich in die Bahn steigen muss, um in ein Büro zu fahren. Und auch hier: ich kann mir meine Zeiten meist selbst legen. Es gibt Deadlines, die ich einhalten muss, mal kommt was Dringendes rein, wofür ich alles stehen und liegen lasse, aber die meiste Zeit kann ich selbst entscheiden, wann ich arbeite.

So viel zu meinen Verpflichtungen, aber ich engagiere mich darüber hinaus noch in meiner übrig gebliebenen Freizeit. Zum einen bin ich Orga-Mitglied eines gemeinnützigen Vereins, bei dem ich mich ehrenamtlich für kulturellen Austausch engagiere. Zum anderen betreibe ich mit den Pixelfrauen und Philusophie zwei Podcasts, die vorbereitet und aufgenommen werden müssen (den Schnitt übernehmen glücklicherweise andere). Ich versuche noch Zeit für den Blog I Know Your Game zu finden, wo ich ab und an Artikel schreibe und mittlerweile einfach viel im Hintergrund aushelfe. Und ich betreibe Fancyschmancy, wo ich mir auferlegt habe, mindestens einmal die Woche einen Artikel online zu stellen. Wie viele Blogs kenne ich, die ich immer wieder ansteuere und mich aufrege, dass nur einmal im Monat ein neuer Artikel kommt und wie “faul” die Schreiber dahinter seien, aber woher soll ich wissen, wie viel Zeit sie wirklich für dieses Hobby aufbringen können? Letztendlich bieten sie mir kostenlose Unterhaltung und ggf. Aufklärung zu Themen, die sie sich selbst hart erarbeitet haben. Hobbies habe ich natürlich auch noch, was sich mittlerweile nur noch aufs Videospielen und Lesen runterbrechen lässt, da ich fürs Malen aktuell eben keine Zeit mehr finde.

Für fast alles kann ich mir meine Zeit also frei einteilen. Es kommt nicht selten vor, dass ich mal 10 Stunden am Tag arbeite. Aber damit ich nicht jeden Werktag 12 Stunden in Uni, Fernuni, Arbeit und Engagement stecken muss, arbeite ich auch an den Wochenenden durch. Und damit meine ich nicht, dass ich vielleicht ein, zwei Stunden am Wochenende arbeite, sondern gern auch mal vier bis sechs, Samstag und Sonntag. Wenn ich aufliste, was ich alles mache, fragen mich viele, wie ich das überhaupt zeitlich alles hinbekomme. Und dennoch bekomme ich immer wieder, wenn ich mal ein 30-minütiges Video teile oder sage, dass ich gerade zuhause sitze und arbeite, zu hören: so viel Zeit hätte ich gerne.

Ich will mich hier gar nicht rechtfertigen, auch wenn ich mich ehrlich gesagt kurz darüber auskotzen möchte, da ich diesen Satz mindestens einmal die Woche zu hören bekomme. Allein Heute, am Montag, 12:30 Uhr habe ich ihn zwei Mal an den Kopf geschmissen bekommen. Ganz abgesehen davon, dass meine Arbeit von zuhause aus häufig als nichtig angesehen wird, mir aber dennoch ein volles Konto verschafft, wodurch ich mir auch oft genug anhören darf “So viel Geld wie du hätte ich auch gerne”. Bitte was? Letztendlich sollte die “Moral” hinter diesem Artikel sein, dass man vielleicht zwei Mal überlegen sollte, bevor man jemandem vorwirft, zu viel Zeit und damit negativ konnotiert faul zu sein. Auch ich wünschte mir manchmal, ich könnte um 18 Uhr Feierabend machen, hätte mal ein komplett freies Wochenende. Aber ich habe es mir selbst so ausgesucht. Verurteile deswegen aber niemanden, der diese, für mich, Privilegien genießen kann. Ich möchte mich nicht beschweren, ich arbeite für mein Geld. Aber dass einige doch wirklich denken, dass ich mit daheim rumliegen dennoch anscheinend überdurchschnittlich viel Geld hätte? Wer sowas annimmt und dementsprechend solche Fragen formuliert: das ist einfach nur dreist. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die sich hin und wieder mit solchen, wenn auch “doch gar nicht so ernst gemeinten” Seitenhieben rumschlagen muss, aber irgendwann ist auch mal genug. In dem Sinne: sorry for the long read, aber das musste mal von der Seele. Immerhin habt ihr mich dadurch vielleicht ein wenig besser kennen- und verstehengelernt.

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15 Kommentare

  1. Rene / noctucx

    Ein sehr, sehr schöner Artikel. Oftmals wird man verurteilt, wenn man von zu Hause arbeitet. Inzwischen sitze ich wieder 40-50 Std / Woche im Büro, habe aber auch ne zeitlang den “Luxus” gehabt zuhause arbeiten zu können und musste mir ähnliche Sätze anhören. Das eine Wohlfühl-Zone zur Arbeitsfläche wird und das stellenweise auch belastend sein kann, können sich viele leider nicht ausmalen.
    Aber oftmals ist das auch einfach Neid, weil sich jeder automatisch in der schlechten Situation sieht, sobald eben jemand Zeit hat, während man selber arbeiten ist o.ä.
    Man muss da stellenweise dickes Fell haben und über solchen Kommentaren stehen, auch wenn das leichter gesagt als getan ist 🙂

    • Ja, viele sehen nur den Vorteil der “Bequemlichkeit” und dass man ja parallel oder statt zu arbeiten auch irgendwas anderes machen könnte, Filme gucken und was weiß ich nicht alles. Wie im Beitrag erwähnt ist diesmal auch nur das Fass übergelaufen, wenn man diese Kommentare dann immer und immer wieder, teils von den gleichen Personen, hört, obwohl man sich doch immer bemüht, solche Missverständnisse direkt aus dem Weg zu räumen und zu erklären, dass es eben nicht nur Beine hochlegen ist. Aber ich hoffe, dass es einigen geholfen hat, sich dem auch mal bewusst zu werden, wenn sie bisher noch keine wirkliche Meinung zu dem Thema hatten. 🙂

  2. Hallo Phi,

    Erstmal ein großes Lob für den Text, toll dass du so offen auch über den Tod deiner Mutter sprichst und quasi eine Art “Sorgentelefon” bereitstellen würdest und auch allgemein über etwas schreibst, was den meisten irgendwie dann doch mal einen Spiegel vorhält und etwas gesellschaftskritisch ist.

    Aber nun zum Inhalt: Ich selbst arbeite 42h die Woche. Mit Pausen und Anfahrt zur Arbeit sind das circa 50h die ich für die Arbeit “opfere”. Dafür verdiene ich Geld und neben notwendigen Einkäufen und Sparen (fuckin’ Spießer) gebe ich auch sehr gerne Geld für meine Hobbies aus. Ich habe unter der Woche täglich nur circa 7h die ich daheim verbringe und nicht schlafe. Abzüglich Sport, Badezimmer, Essen, Putzen und andere Notwendigkeiten bleibt da nur noch ein Bruchteil für Videospiele, Bücher, Musik und so weiter. Diese Zeit möchte ich mir dann aber auch bitte so schön gestalten wie ich will und entsprechend gebe ich dafür auch gerne mal ein bisschen mehr aus. Um eben auf einem großen Fernseher, mit neuer Technik spielen zu können oder ähnliches. Immer wieder höre ich deshalb von verschiedenen Leuten “Oh wow. Ich wollte schon immer ein [Großmembran-Mikrofon, 50″ Fernseher ….] und du kaufst dir das jetzt einfach so! Voll gemein!”
    Nein. Ich kauf mir das nicht “einfach so”. Ich kaufe mir das von einem Gehalt, dass ich verdiene weil ich jeden Tag zu einem Job gehe, den ich nur schon habe, weil ich mein Studium innerhalb von 3 Jahren beendet habe und es mir deshalb glücklicherweise leisten kann.
    Die Ironie daran ist, dass niemand mit einem Job auch nur eine Sekunde so denkt. Solche Aussagen kommen immer nur von den Leuten, mit denen man vor 13 Uhr sowieso nicht rechnen muss, weil sie sowieso nciht früher aufstehen. Die, die 12 Stunden am Tag Schlaf “brauchen”, weil sie sonst nicht fit sind. Die, die neben (gefühlt) 4h Pflichtvorlesung und 2h Lernen in der Woche keine Zeit für einen Job haben, weil das viel zu anstrengend ist.
    Und natürlich kann ein Studium super anstregend sein und man sollte einen Job für schnelles Geld nicht vor die eigene Bildung stellen, die einem auf lange Sicht natürlich mehr bringt. Aber wenn diese Leute dann im Xten Semester ohne Aussicht auf Beendigung ihres Studium umher krebsen, jeden Tag nur entspannen weil sie “gestern/vorhin gelernt haben” oder “morgen/nachher lernen werden”, dann kann ich das nciht ernst nehmen.
    Und dann tut es mir Leid, aber dann könnt ihr euch eben nicht alles leisten was ihr wollt. Aber sucht die Schuld dafür bitte nicht bei mir.

    Gruß,
    Lu

    PS: Huiuiui. Wurde etwas emotionaler als ich dachte.
    PPS: Auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass du das nciht auf dich beziehst, sondern eben genau diese Leute kennst und weißt, welchen Archetyp Mensch ich damit meine, wollte ich dir nur eben Sagen, dass du natürlich überhaupt nicht in diese Kategorie fällst.
    Ich finde es eher immer wieder beeindruckend, an wie viel du parallel arbeiten kannst und wie viel Zeit insgesamt du mit solchen Dingen verbringst. Ich bin sehr froh darüber meine Zeit (teilweise) vorgegeben zu bekommen. Home Office wäre für mich viel mehr Herausforderung als Komfort.
    Du bist eine absolue Arbeitsmaschine, Phi und hast dir alles mehr als doppelt verdient. Lass dir keinen Quatsch erzählen.

    • Ja, das kenne ich auch aus meinem engeren Kreis, dass man vielleicht nicht direkt neidisch ist, dass andere sich eben mehr und teurere Sachen gönnen können, man sich selbst aber irgendwie… minderbemittelt fühlt? Dabei darf man den Kontext ja gerade nicht vergessen, dass es meist die Menschen sind, die (Vollzeit) arbeiten, die sich logischerweise mehr gönnen können.

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂

  3. Ich kann das alles so unglaublich gut nachvollziehen. Ich will meinen Alltag gar nicht damit vergleichen, aber ich habe oft auch das Gefühl, dass es nicht die Zeit ist, die fehlt, sondern die Energie. Mir wird oft gesagt: “Du arbeitest doch gar nicht. Dein Job ist super easy.”

    Das stimmt zwar, aber es wird gerne unterschätzt, wie anstrengend es sein kann, nichts zu tun. Ich möchte dann während der Arbeit konstruktiv werden, aber wenn dann doch alle 20 Minuten ein Kunde bzw eine Kundin vorbeikommt, dann wird man ständig im Gedankengang unterbrochen. Das ist frustrierend und nach einem Tag, wo ich im Prinzip nichts zu tun habe und nur am Arbeitsrechner sitze, fühlt es sich nicht so an, als hätte ich Freizeit gehabt. Ich komme total fertig und mit den Nerven am Ende nach hause und will nur noch durchatmen und abschalten. Aber das geht dann oft nicht. Dann muss ich waschen, oder spülen, muss etwas für I KNOW YOUR GAME machen, oder für die Uni (was momentan nicht der Fall ist, aber ab Oktober dann). Mittwochs bin ich dann noch bis spät nachts hinterm Tresen und dann werde ich wegen meiner ungesunden Schlafgewohnheiten belächelt. Donnerstags versuche ich, um 22 Uhr ins Bett zu gehen, weil am Freitag um halb 7 der Wecker klingelt. Meist wälze ich mich bis 02 Uhr hin und her. Gleiches gilt für meine Essgewohnheiten. Ich habe nach der Arbeit keine Freude am kochen und dann wäre es nur wieder etwas, was ich tun MUSS. Und gerade die Sache mit der Krankheit deiner Mutter kann ich sehr gut nachvollziehen.

    Alles in allem: Ein toller, lesenswerter Artikel.

    • Oh, da fühle ich mit dir! Bei meinem Vollzeit-Praktikum ist es auch nicht selten passiert, dass ich mal einen kompletten Tag lang nichts zu tun hatte und einfach wahllos auf irgendwelchen Seiten rumgesurft bin (im Fashion-Bereich konnte man sowas dann wenigstens noch als “Recherche” abheften). Aber das waren für mich auch die schlimmsten Tage. Zeit ist relativ, und die meisten wissen, wenn man sich mit etwas beschäftigt, vergeht diese schneller, als wenn man sie nur absitzt. Man sollte wirklich nicht unterschätzen, wie Nervenzehrend und Kräfteraubend das wirklich sein kann.

      Aber ich habe auch meine Tage, wo mein Kopf einfach nur rauscht und ich letztendlich 2 Stunden am Notebook sitze und nichts bekommen habe. Da flitzen die Gedanken, dass ich dies und das noch machen müsste und ich einfach nicht weiß, wo ich anfangen soll. Durch diesen Gedankensturm fällt es mir dann zusätzlich auch noch schwer, mich zu konzentrieren und irgendwas Gescheites hinzubekommen. Aber auch das gehört ab und an mal dazu, dass man vollkommen aus dem Workflow geschossen wird. Die Zeit dann einfach für etwas anderes nutzen, was anfällt. Haushalt, Sport oder eben die Freizeit, die so auch schnell mal zur kurz kommen kann. Wenn man merkt, dass man nichts geschafft bekommt, sollte man sich auch nicht mit zu viel schlechtem Gewissen quälen und letztendlich nichtstuend die Zeit absitzen.

  4. Neben dem konventionellen Weg sich kennen- und verstehen zu lernen, also über die Zeit, sollte es auch die Option geben, sich gegenseitig ein Buch auszuhändigen, welches vergangenes und gegenwärtiges in jeder Facette wiedergibt. So liegt es der Person offen, hinter jede Errungenschaft oder einem (verdienten) Moment der Ruhe zu blicken. Wenn selbst das nicht hilft, kann man das Buch immer noch in seiner Daseinsform nutzen und der Person gegenüber, mit Geschwindigkeit, entgegen kommen lassen! 🙂

    Jeder, selbst jene die dazu neigen (un)bewusst zu provozieren, ist irgendwie in seinem Trott. Gelegentlich habe ich Momente, unbewusst, an denen ich die Wertschätzung kleiner Dinge im Leben nicht anerkenne. Artikel wie diese, Unterhaltungen mit Menschen die mir nahe liegen oder Momente der Ruhe lassen mich wieder verstehen und entsinnen. In der Regel bedanke ich mich nachträglich, speziell wenn ich diesen kleinen Moment der Zufriedenheit einer anderen Person zu verdanken habe. In dem Sinne hoffe ich, dass jene die gemeint sind lesen, verstehen, etwas Courage zeigen und sich das Fehlverhalten eingestehen. Unabhängig davon in welcher Art und Weise.

    Ich verbringe 45 Stunden die Woche (Tendenz steigend) im Büro. Projekte, die ich in meiner Zeit außerhalb des Büros annehme dürfen für mich also keine zusätzliche Belastung sein. So ist es bisher immer entspannend und zugleich eigenartig gewesen, bestimmen zu können wann ich produktiv bin und dafür Geld bekomme. Steht jedoch nicht im Vergleich zu dem Alltag, den du zu bewältigen hast.
    Ich kann jedoch sehr gut nachempfinden, was es heißt, wenn Zeit plötzlich zum höchsten Gut wird. Neulich blinkt mein Smartphone auf und erinnert mich ans Atmen. Nachdem ich kurz schmunzeln musste hatte es einen bitteren Nachgeschmack, zu wissen das man erst daran erinnert werden muss, Zeit zum durchatmen einzuräumen. 🙂

    • Ja, Courage, Fehlverhalten anzusprechen und aber auch Selbstreflexion, sich selbst Fehler einzugestehen, sind zwei wichtige Dinge, die leider immer weniger Menschen beherrschen zu scheinen. Tatsächlich bekomme ich diesen Satz immer häufiger von den gleichen Personen gesagt, die ich auch schon persönlich darauf angesprochen und meine Situation erklärt habe, dass es eben nicht so ist, wie es vielleicht scheint. Aber leider hat dies anscheinend keine Früchte getragen. Und irgendwie habe ich mich berufen gefühlt, diesen Beitrag zu schreiben, weil es sicherlich noch einige mehr gibt, die sich sowas ständig anhören müssen… oder die solche Behauptungen in den Raum stellen, ohne mal selbst darüber nachgedacht zu haben.

      Mittlerweile mache ich das aber tatsächlich auch, dass ich mir in meinen Kalender und in die To-Do-Liste schreibe, dass ich mir dann und dann aber wirklich mal zwei Stunden Zeit nehme für Videospiele, täglich mindestens 30 Minuten Lesen gehören auch dazu. Schon komisch, sich wirklich an sowas erinnern und zu ermahnen müssen. Aber umso schöner, wenn man sich diese Auszeiten dann (mit Hilfestellung) eben gönnt und nicht einfach nur durchpowert. 🙂

  5. Auch ich habe in der Vergangenheit schon der ein oder anderen Person ähnliches entgegen geworfen, wie du es anscheinend oft zu hören bekommst. Rückblickend gesehen sprach da nur der eigene Frust aus mir, weil in meinem Job/meiner Tätigkeit nicht alles rund lief. Die Zeiten sind allerdings längst vorbei, weshalb es mir auch viel leichter fällt über den eigenen Tellerrand zu blicken und ich dadurch diverse Vorurteile abbauen konnte :>

    Daher will ich als Vollzeitangestellte nun auch mal für alle Freelancer, Studenten oder andere “Selbstogranisierer” in die Bresche springen. Ich selbst scheitere in aller Regelmäßigkeit an Projekten, die Selbstorganisation abverlangen. Mein Studium habe ich abgebrochen, weil ich schlicht zu faul war und mir meine Zeit nicht vernünftig einteilen konnte. Wenn ich dann bedenke, dass es Menschen gibt, die das Ganze noch mit einer Nebentätigkeit und diversen anderen Projekten über die Bühne bringen, kann ich mich nur respektvoll verneigen.

    Weiterhin sollte sich niemand für seine Ausgaben rechtfertigen müssen. Wer Geld verdient, kann das ruhigen Gewissens auch ausgeben, egal für was. Leider trifft man aber immer wieder Menschen, die das anscheinend verwerflich finden. Eine Erfahrung, die ich leider auch schon zu oft gemacht habe.

    • Ganz ehrlich finde ich auch, dass man jemandem diesen ersten Eindruck nicht übel nehmen kann. Viele wissen es zu so einem Zeitpunkt auch nicht besser. Das ist die Zeit, in der man eben aufklären und informieren kann und dann sollte sich die Sache eben geklärt haben. Gegenseitig Vorwürfe machen bringt ja letztendlich niemandem etwas.

      Und ja, da spricht leider oft der Neid. Wobei Neid vielleicht auch das falsche Wort ist. Habe letztens nochmal die genaue Definition betrachtet, dass Neid ja nicht nur beinhaltet, dass man jemanden um etwas beneidet, sondern dass man es dem anderen gleichzeitig missgönnt. Da finde ich Eifersucht eigentlich ein viel schöneres Wort, wenn man es mal auseinander nimmt. “Die Sucht nach der Eifer”. Man kann ja ruhig auf die Leistungen anderer eifersüchtig sein, aber in einem positiven Weg, dass die Leistungen anderer eben einen selbst motivieren, mit Eifer daran zu arbeiten, möglichst bald gleichwertige oder gar “bessere” Erfolge zu erzielen.

  6. Pingback: Alles auf Anfang – Wordwire

  7. Pingback: 30 Tage vegan – Warum? – Fancyschmancy

  8. Jackyccino

    Vielen Dank für deinen offenen Einblick in dein Leben, vor allem auch in dein Familienleben. Als ich das gelesen habe, da dachte ich erst einmal nur “Scheiß auf Studium” – hat jetzt eher weniger mit dem Blogeintrag zu tun, aber wie oft bekommt man etwas zu hören oder macht sich unnötig Sorgen, nur weil man ja schon “so alt ist” und immernoch nicht dies oder das in seinem Leben erreicht hat (in dem Fall: Bachelor Abschluss). Da find ichs wichtig, dass man sich einfach mal klar macht, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt, als mit XX Jahren dies und das erreicht zu haben. Das sieht man besonders schön eben auch in diesem Blogeintrag.

    Nun aber zu dieser ganzen “Work from Home”-Sache. In meinem Job kann ich häufiger auch mal Home Office days einlegen – wie oft durfte ich mir da schon anhören “Ach, hast du’s gut.”. Dass dies dann aber auch bedeutete, dass ich auch um 21 Uhr noch Aufgaben erledigen musste, einfach weil etwas aufkam und direkt gemacht werden musste, daran denkt dann natürlich keiner. Natürlich hat die Arbeit von zu Hause einige Vorteile, vor allem die freie Zeiteinteilung, aber diese kann eben auch zur Last werden, vor allem wenn man zu Hause nicht ein eigenes Zimmer hat, welches man als Büro benutzen kann. Es kann in solchen Fällen wirklich schwierig werden, auch mal einfach komplett abzuschalten.

    Für mich persönlich schreien Aussagen wie “So viel Zeit hätt ich gerne” ja meist einfach nach Neid. Eigene Unzufriedenheit und Angst, selbst so etwas zu verwirklichen. Hach, ich glaube, es bleibt erstmal ein utopischer Gedanke, dass man sich gegenseitig einfach mal mit Bewunderung und Anerkennung entgegnet, anstatt immer einen Grund zum Nörgeln zu finden 😀

    • Ich erwische mich auch viel zu oft bei dem Gedanken, dass ich ja “noch keinen BA” habe, obwohl ich doch schon so “alt” bin. Aber ich bin 25. Wenn ich mir meine Kommilitonen anschaue, dann sind da welche jünger… aber auch einige älter. Da ich es ja nicht einfach nur vor mich vor schiebe, sondern dennoch Berufserfahrung sammle etc. denke ich auch, dass es später keine zu drastischen Auswirkungen auf Bewerbungen etc. haben wird.

      Und ja, feel you, ich hätte so gerne ein eigenes Arbeitszimmer daheim. Eigentlich haben wir vor unserem Umzug auch extra nach einem kleinem Arbeitszimmer mit gesucht. Aber es kommt immer anders, als man denkt. Nun arbeite ich in unserem Schlafzimmer, dafür haben wir eine nette Dachterrasse zum Entspannen. Ich setze mich oft genug auch in Cafés, einfach um aus dem privatem Umfeld rauszukommen und mir eine andere Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Spiele auch mit dem Gedanken, mal so einen Co-Working-Space zu nutzen, nur für 1-2 Tage im Monat und mir dafür extra viel Arbeit parat zu halten, aber aktuell hab ich noch kein passendes Angebot gefunden, bzw. man muss direkt mehrere Tage/Wochen mieten. Für mich lohnt sich das aktuell einfach (noch) nicht. 😀

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